Verfasst am 3. Mai 2009 um 17:14 Uhr
Leonardo da Vincis Skizze der HirnventrikelErst kürzlich kam es bei einem Online-Poker-Turnier, an dem ich selber teilnahm, an meinem Tisch zu folgender unschöner, in der darauf folgenden Diskussion der betroffenen Spieler (fast schon eskalierender) Situation:
K,K gegen K,Js - mittlere Turnierphase - der Tisch wurde recht loose gespielt. Der K,Js-Spieler raiste aus mittlerer Position, die beiden Könige saßen am Button, gingen sofort All-In und wurden gecallt. Es kam wie es so oft kommt, die Könige verloren gegen einen Flush (oder wegen mir war es auch "nur" eine Straße - ich weiß es nicht einmal mehr so genau aber das ist für diesen Blog-Beitrag auch gar nicht so sehr ausschlaggebend).
Die sich sofort danach anbahnende Chat-Diskussion des unterlegenen K,K-Spielers mit seinem siegenden Gegner ist mir jedoch jetzt noch sehr gut in Erinnerung. Es fing eigentlich mit dem Ausdruck "
Fisch" an und ging dann über diverse andere Kraftausdrücke immer heftiger zu bis hin zu recht "ordentlichen Beleidigungen", die beide in die Hand involvierten Spieler miteinander austauschten. Der unterlegene K,K-Spieler fühlte sich zurückgesetzt, von allen (inklusive des Pokerraumes) beschissen, ja fast gedemütigt...
Aber war er das letztlich wirklich?Um bei Pokerturnieren in die vorderen Plätze zu gelangen, ist eine sehr variable Strategie mehr als hilfreich. Basiswissen und ein dynamisches Spielkonzept erleichtern freilich zudem den Weg in die Geldränge oder sogar an den Final-Table.
Doch wer kennt wirklich die Seele des Spiels und: Was ist überhaupt die Seele des Spiels?"Sie sitzen am Button, halten Q,Ks, die Blinds sind in einer mittleren Phase und ein Spieler in früher Position hat um das 3-fache des Big Blinds geraist. Was müssen Sie jetzt tun?". Diese oder auch ähnliche Fragen sind im Internet in diversen Foren und in der gängigen Pokerliteratur ohne Ende zu finden. Unser K,K-Spieler hatte diese auch sicherlich fleißig gelesen und natürlich ebenso verstanden. Er kannte sich also mit den Prozenten und Wahrscheinlichkeiten ausgezeichnet aus.
Sind diese Berechnungen und Basisstrategien aber auch tatsächlich immer sinnvoll, wenn es doch letztlich um die Entwicklung individueller Pokerstrategien geht? Also auch, um Turniere erfolgreich meistern zu können?
Diese Frage ist sicherlich provokant (und ich gebe das gerne zu) aber
nachfolgende Überlegungen sollte jeder Pokerspieler sich stellen, bevor er überhaupt daran denkt, zukünftig das Wort "Fisch" in den Chat zu schreiben:Für einen geübten Pokerspieler mögen Standard-Strategie-Tipps (vielleicht) hilfreich sein, denn dieser kann sich sofort in die beschriebene Tischsituation hinein versetzen – vorausgesetzt, diese ist detailliert beschrieben. Jedoch wird dieser geübte Pokerspieler eine solche Hilfestellung auch nicht mehr wirklich gebrauchen können und sie lediglich nur zu seinem Amüsement in Gedanken durchspielen.
Doch was ist mit dem Pokerneuling? Oder mit dem nicht so erfahrenen Pokerspieler? Nach meiner Auffassung können solche Trainingsbeispiele, die sich im Detail verlieren, für den Anfänger sogar extrem gefährlich werden - vermitteln sie doch lediglich eine Momentaufnahme des Geschehens am Pokertisch. Überspitzt gesagt, wäre ein solches Beispiel mit der Wetterauskunft eines Meteorologen vergleichbar, der auf Grund eines einzigen regnerischen Sommers konkrete Rückschlüsse auf den Klimawandel ziehen würde. Und obgleich jedem auf der Stelle einleuchten wird, dass eine solche Art der Prognose alles andere als sinnvoll ist, findet man bei verschiedenen meiner Autorenkollegen in Pokerbüchern und ebenso in vielen "Pokerratgebern" auf Internetseiten diese und ähnliche Beispiele in Hülle und Fülle.
Poker ist jedoch ein viel zu komplexes Spiel, um es lediglich auf Momentaufnahmen zu reduzieren.Strategische Überlegungen, unabhängig von dem vermeintlichen Wert der Karten bzw. der Hand, sind letztlich zentral. Noch viel mehr als an einem Cashgame-Table, ist in einem Pokerturnier natürlich eine langfristig ausgelegte Basisstrategie wichtig - keine Frage! Die Momentaufnahme einer bestimmten Hand, kann allerdings an einem bestimmten Pokertisch völlig richtig gespielt worden sein. An einem anderen Tisch, in der absolut identischen Situation, endet die gleiche Spielweise jedoch in einem Desaster.
Warum ist dies so und warum verleitet es so viele Spieler andere "herabzusetzen" weil sie entgegen von sogenannten "Basisstrategien" handeln? Und warum sind die Foren und die einschlägigen Pokerchats voll von jammernden oder schimpfenden Bat-Beatern?
Nun, das eigene
Table-Image, die
Tischposition, die
Spielweisen der Gegner, die
Blindphasen, die
M-Zone, das
individuelle Turnierziel und die
Anzahl der verbliebenen Gegner, sind letztlich die maßgeblichen Größen die in dem Zusammenhang (unter anderem) unbedingt genannt werden müssen.
Diese Faktoren stehen in einer untrennbaren Beziehung. Wer sie nicht kennt oder vernachlässigt verliert langfristig - wer sie in seine Überlegungen einfließen lässt, wird über eine längere Betrachtungszeit hin auf der Gewinnerstraße stehen.
So einfach ist das!Die Gegner laufend zu beobachten, diese immer wieder neu einzuschätzen und diese Beurteilungen in Bezug auf die aktuelle Spielphase zu setzen – das ist letztlich die Seele des Spiel. An diesen Dingen wird dann die eigene Spielweise immer wieder angepasst. Daher wäre es auch in meinen Augen oft viel sinnvoller, sich mit der Analyse der Gegner zu beschäftigen, als wieder und wieder Beispielhände durchzukauen und den Focus damit fast nur auf die Karten zu richten.
Stehen nur und ausschließlich die Karten und die mathematischen Komponenten im Mittelpunkt, wird im Prinzip wieder der Tanz um den Glücksfaktor eröffnet.Wie hoch ist meine persönliche Gewinnwahrscheinlichkeit? Ich bin mit einer Prozentzahl in Höhe von 70:30 der mathematische Favorit? Muss ich deshalb gleich meine Chips in die Mitte schieben und All-In gehen? Wohl kaum! Vielleicht macht es ja in der konkreten Situation mehr Sinn, gegen die nackten Zahlen zu handeln oder ggf. sogar die Hand in den Muck zu werfen?
Denn genau wegen der Mathematiklastigkeit ihres strategischen Denkens, verlieren viele Pokerspieler langfristig bei Pokerturnieren, obgleich sie ein umfangreiches (mathematisches) Fachwissen besitzen.Daher meine (gewagte?) These für "Bad-Beater": Ganz einfach mal die Denkweise umstellen!
Es ist grundsätzlich falsch, bei einem Pokerturnier den eigenen Karten eine zu große Bedeutung zukommen zu lassen. Besser ist es, die Gegner zu typisieren und sich deren Spielweise in bestimmten Situationen ganz genau einzuprägen. Und sich ein paar Fragen zu stellen: Wie werde ich von meinen Gegnern eingeschätzt? Wie werden sie auf meine Spielzüge reagieren? Welche Karten vermuten sie bei mir? Wie kann ich aus ihren Vermutungen Vorteile ziehen? Wie werden meine Gegner wahrscheinlich reagieren? Wie haben sie bisher in vergleichbaren Situationen meistens reagiert? Welche Karten versucht mir mein Gegner gerade eben zu verkaufen?
Das - und nur das - ist die Seele des Spiels!Und dieses übrigens oft genug unabhängig von den Pocketkarten, die einem selber tatsächlich ausgeteilt wurden...